Liboriusblatt

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18.10.13, 23:58:34

Waldy

Ein Artikel, erzählt von Helmut Pätz


-von der rührenden Treue eines Vierbeiners


Ich hatte geschlafen. Ein kühler Luftzug weckte mich, als der Bus hielt, um einen einzigen Fahrgast an dieser entlegenden Station einsteigen zu lassen. Ohne jemanden zu beachten, trottete er zum Führersitz und legte sich daneben nieder. In der wohligen Wärme der Motornähe war er bald sanft eingeschlummert. Es war weiter nichts Besonderes an dem neuen Fahrgast, außer dass er ein Hund war. Kahle Flecken in dem zottigen Fell zeigten mir, dass er nicht mehr der Jüngste war. Niemand außer mir schien von ihm Notiz zu nehmen, und auch der Busfahrer strich ihm nur kurz einmal über den Kopf.


Dennoch erschien es mir seltsam, dass man offenbar nur seinetwegen hier angehalten hatte und das er ohne Begleitung war. So blickte auch ich dann wieder hinaus auf die vom Pflug aufgebrochenen Äcker. Schon zwei Stationen weiter erwachte der Hund aus seinem kurzen Schlummer, und der Fahrer hielt an, um ihn aussteigen zu lassen. Einer plötzlichen Eingebung folgend, erhob ich mich und verließ ebenfalls den Bus. Ich war neugierig geworden, und da ich Zeit hatte, folgte ich ihm. Wir standen jetzt nebeneinander an der Straße.


Er schien mich nicht zu bemerken. Als die Fahrbahn frei war, lief er hinüber. Ich ging ihm nach. Für einen Augenblick stand ich unschlüssig vor dem großen Friedhofstor. Ich sah, wie der Hund den Weg entlang lief, an den dunklen Pappeln und Tannen vorbei, geradewegs auf die kleine Kapelle zu. Im Windschatten der Kapelle blieb ich stehen. Ich sah, wie er über eine Buchsbaumhecke sprang. Vor einem ungepflegten Grabplatz mit einem kleinen Stein blieb er stehen, beschnüffelte die welken Blumen, ließ sich nieder und legte den Kopf auf die Pfoten. So verharrte er regungslos.


Ich trat vorsichtig näher. "Er ist unser treuester Besucher", sagte jemand. Neben mir stand in gebückter Haltung der Friedhofsgärtner. Er beschnitt gerade eine Hecke. Ich begriff nicht. "Der treueste?" Der andere richtete sich auf, nickte und wies mit der Hand auf das Tier. "Tag für Tag kommt er her. Immer um die selbe Zeit. Seit sein Herr hier begraben liegt. Vor einem halben Jahr war das. Der Mann war blind, wissen Sie. Als wir ihn beerdigt hatten, blieb der Hund hier auf dem Grab liegen. Drei Tage und drei Nächte wich er nicht vom Platz. Schließlich folgte er dann doch dem alten Martin, einem Eigenbrötler aus seinem Heimatdorf, der sich auf Hunde besser versteht als auf Menschen. Doch täglich kehrte er zurück an das Grab seines Herrn, und jedes Mal musste Martin ihn wieder holen."


Ich sah zu dem Hund, der einmal schläfrig aufblinzelte. "Und was geschah dann?" "Eines Tages wäre er dem Bus bald in die Räder gelaufen. Seitdem nimmt der Fahrer ihn immer mit, pünktlich zur Abfahrtszeit steht er an der Haltestelle. Eine komische Geschichte, was? Dass es so etwas noch gibt." Der Alte beugte sich wieder über seine Arbeit. "Aber der Hund," murmelte er, "der Hund ist der treueste von allen."


Nach einer halben Stunde erhob das Tier sich plötzlich, schüttelte sich, trottete an mir vorbei und ging denselben Weg zurück. Dieses Mal folgte ich ihm nicht.


19.10.13, 08:08:37

Jutta5

Gutem Morgen,
Super schöne Geschichte! Hab gerade Pipi in den Augen!
Schönes Wochenende, Jutta
21.10.13, 09:06:31

Crime

Geht mir auch so.
 
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